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Ein starkes Team
Geschlechtsspezifische
Unterschiede verstehen und richtig einsetzen
von Manfred Rumi
Ob zuhören oder Ratschläge geben in
der Kommunikation könnten die Unterschiede zwischen
Frauen und Männern kaum größer sein.
Nur wer gelernt hat, mit diesen Unterschieden umzugehen,
kann sie produktiv einsetzen. Das gilt vor allem im
Geschäfts-leben, wenn die beiden Geschlechter in
unterschiedlichen Positionen aufeinander stossen
als Mitarbeiter und als Führungskraft.
Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern scheinen
im heutigen Berufsleben so gut wie weggewischt zu sein.
Ein Blick in den Spitzensport stützt diese Ansicht.
Die Williams-Schwestern dreschen den Ball mit ihren
Muskelpaketen so hart über das Tennisnetz, dass
sie problemlos bei den Herren mithalten könnten.
Annika Sörenstam schwingt ihren Schläger so
perfekt, dass gestandene Golfprofis sich vor laufender
Kamera einen ähnlich perfekten Schwung für
ihr Spiel wünschen. Und Jutta Kleinschmidt donnert
mit ihrem Auto durch die Sahara und lässt auf der
Strecke Paris-Dakar sämtliche männlichen Konkurrenten
im Wüstenstaub hinter sich.
Frauen und Männer haben in unserer Gesellschaft
die gleichen Rechte und Pflichten. Damit hören
die Gemeinsamkeiten aber auch fast schon auf. Von Frauen
kann man zum Beispiel lernen, wie wichtig es ist, anderen
zuzuhören. Männer dagegen nehmen Hilfe in
der Regel nur dann gerne an, wenn sie selbst darum bitten.
Doch auch das gehört nicht gerade zu ihrem Alltag.
Freiwillig fragen die meisten nur dann um Rat, wenn
sie wirklich nicht weiter wissen. Eine gute Möglichkeit
für Führungsfrauen besteht darin, den Mann
um einen Rat zu bitten, anstatt eigene Hilfe anzubieten.
Sonst wird sie bei ihm möglicherweise das Gefühl
auslösen, dass er in ihren Augen seinen Job nicht
richtig macht.
Hilfe anbieten
und annehmen können
Wenn eine starke Frau es schafft, einen
Mann sein Ziel selbst erreichen zu lassen und ihm dann
noch die gebührende Anerkennung geben kann, dann
ist sie auf dem richtigen Weg. Eine Frau dagegen fühlt
sich angenommen, wenn man ihr Hilfe zur Erreichung ihrer
Ziele anbietet. In der gleichen Situation fühlt
sich ein Mann eher angegriffen oder verletzt. Chefinnen
sollten deshalb versuchen, keine ungebetenen Ratschläge
zu geben, sondern nur Informationen.
Im Unterschied zu Männern sind die meisten Frauen
im Umgang mit Problemen völlig unproblematisch.
Sie sprechen gerne über Probleme allerdings
nicht nur, um eine Lösung zu finden. Oft suchen
sie Nähe. Der Mann wittert in einer solchen Situation
seine Chance. Er hat eine Lösung parat und will
sie der Frau präsentieren. In diesem Fall sollte
er allerdings darauf verzichten, einen ungebetenen Tipp
zu geben, da die Frau sich unverstanden fühlen
wird. Er sollte einfach zuhören und ihre Gefühle
spüren.
Eine
entspannte Atmosphäre schaffen
Wenn Frauen mit Männern über ihre Probleme
sprechen, dann ist das auch ein Zeichen von Vertrauen.
Frauen müssen nicht ständig die eigene Kompetenz
unter Beweis stellen, was bei Männern oft fast
zwanghaft der Fall ist. Deshalb fällt es Frauen
auch leicht, Hilfe anzubieten und anzunehmen.
Je mehr Einzelheiten eine Chefin in einem Gespräch,
in einer Sitzung oder bei einer Präsentation schildert,
desto angespannter wird der Mann. Schließlich
haben die Herren der Schöpfung ihre Lösung
für das Problem schon längst im Köcher.
Erwartungsvoll harren sie der Chance, die Idee endlich
abfeuern zu dürfen. Deshalb folgender Tipp: Wenn
die Chefin weiß, was sie erreichen will, dann
sollte sie ihm den Vortritt lassen. Die Einzelheiten
können anschließend folgen. So hilft sie
dem Mann, ihr entspannt zuhören zu können.
Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen können
Probleme mit sich bringen, wenn man sie nicht versteht
oder nicht mit ihnen umgehen kann. Das gilt nicht nur
fürs Geschäftsleben. Gerade im Privatleben
kann es aufgrund der Differenzen zu Spannungen kommen.
Das wiederum hat Auswirkungen auf die Arbeit. Um eine
beruflich und privat zufriedenstellende Lösung
zu finden, bietet es sich oft an, dass Teilnehmer von
Führungsseminaren ihre Lebenspartner mitbringen.
Sicher ist: Wenn man die unterschiedlichen Stärken
und Qualitäten von Mann und Frau versteht und richtig
einsetzt, sind sie im Verbund unschlagbar. Entsprechend
dem Motto: Die Mischung macht's.
Interview mit Manfred Rumi
"Persönliche und soziale
Kompetenz entwickeln"
CT: Welche typischen Probleme in der Kommunikation
unter männlichen und weiblichen Kollegen in naturwissenschaftlich-
technischen Berufen führen nach Ihrer Erfahrung
besonders häufig zu Problemen?
Rumi: Wenn Partner ihr Gegenüber nicht verstehen,
nichts über ihre Unterschiedlichkeit wissen, kostet
es Energie. Die Folge sind in vielen Fällen Auseinandersetzungen,
Kämpfe, Ängste, private oder berufliche Trennung,
Frust oder auch Mobbing. In einem solchen Umfeld Veränderung
zu bewirken, Neues zu kreieren, ist schwer wenn nicht
gar unmöglich.
Extrovertierte Entscheider ob Männer oder
Frauen dominieren oft. Introvertierte, gefühlsmäßig
angelegte Frauen und Männer haben oftmals Schwierigkeiten,
den anderen zu verstehen, weil sie seine Sprache nicht
übersetzen können. Männern
und Frauen sowie Teams, die in einem solchen vermeintlichen
Spannungsfeld stehen und von denen erwartet wird, dass
sie erfolgreich zusammenarbeiten, empfehle ich in einem
ersten Schritt ihre Werte und Dominanzen über einen
Persönlichkeitstest herauszufinden. Sie erfahren
so schnell, wer sie in ihrem Verhalten sind. Mit dieser
Erkenntnis verringern sie z.B. Fehlbesetzungen von Positionen
und Teams.
CT: Gleichen sich männliche und weibliche
Denk- und Kommunikationsweisen durch die zunehmende
Gleichstellung von Mann und Frau mit der Zeit an?
Rumi: Ich glaube nicht, dass sich durch die gesellschaftlichen
Veränder-ungen in den Grundanlagen von Männern
und Frauen etwas verändern wird. Frauen und Männer
adaptierten ihre Werte in einem veränderten Umfeld.
Das heißt, sie verbiegen sich, um so zu sein,
wie es die Position oder Gesellschaft von ihnen erwartet.
Das birgt große Gefahren, die zu innerer Kündigung
oder Krankheit führen können. Genau wie im
Berufsleben sind auch privat die zwischenmenschlichen
Beziehungen entscheidend für Zufriedenheit und
Erfolg. Führungskräften gerade in naturwissenschaft-lichen
technischen Bereichen empfehle ich, sich und ihre Mitarbeiter
auf den Gebieten der persönlichen und sozialen
Kompetenz zu entwickeln.
Chemie Technik
Ausgabe Nr.6 / 2004 |