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Konstruktives und produktives Betriebsklima
fördern
Unternehmenscoaching lohnt sich, wie das Beispiel der
Bäckerei "Lorenz Bäcker Victor Bur GmbH"
in Aurich zeigt
Aurich (zi). Fünf Mal hatte die Filialleiterin
nun schon dem Disponenten gesagt, dass sie die Ware
pünktlich um sechs Uhr morgens brauche. Fünf
Mal hatte der Fahrer sie bereits versetzt. Fünf
Tage, an denen sie ihre Stammkunden vertrösten
musste. Die holten ihre Brötchen nun woanders.
Und der letzte Kunde war am fünften Tag sogar richtig
laut geworden. Als dann noch der neue Lehrling das Tablett
mit den frischen Backlingen fallen lässt, reichte
es der Filialleiterin. Den folgenden Rüffel würde
der Lehrling nicht so schnell vergessen. Und auch beim
Fahrer ließ sie gehörig Dampf ab. Ein konstruierter
Fall, der so schon in jedem Backbetrieb vorgefallen
ist und nicht mal ein reines Branchen-Problem. "Der
Fehler hier wäre nicht mal die Unpünktlichkeit
des Fahrers oder das Missgeschick des Lehrlings. Der
Fehler liegt in der Kommunikation zwischen den Kollegen",
sagt Manfred Rumi, Unternehmensberater der Firma "Pluspunkt".
Der Kursleiter aus Senden schult Mitarbeiter und unterstützt
Firmen in allen Fragen zum Thema Mitarbeiterschulung.
Sein letztes Projekt: Er betreut die Großbäckerei
"Lorenz Victorbur" in Aurich und coachte dort
das Personal.
Frust: Gift fürs Betriebsklima
Falsche Kommunikation ist Gift im Unternehmen. Die Filialleiterin
aus dem konstruierten Fall wird den ganzen Tag sauer
sein und kaum einen Kunden mit wahrer Freundlichkeit
betreuen können. Ganz zu schweigen von der Motivation
des Lehrlings. Der Frust wird weitergegeben und verbreitet
sich, staut sich an zu einem schlechten Betriebsklima,
vielleicht sogar zur Unproduktivität, mit fatalen
Folgen in einem Unternehmen. Dabei kann alles so einfach
sein, wie der nicht konstruierte, sondern reale Fall
aus dem Unternehmen "Lorenz Victorbur" zeigt:
Konditormeister Uwe de Vries hat es von seinem Arbeitsplatz
nicht weit bis zur Backstube. Quasi ein Katzensprung
von Feinbäckerei bis zur Teigmisch-Maschine und
den Backöfen nebenan. Doch der Gang rüber
war für ihn sonst kein Thema: Früher
habe ich meinen Job gemacht", sagt der Bäcker-Fachmann
heute. Wenn ich fertig war, dann war es das eben.
Feierabend. Heute geh ich im Betrieb herum und schau
mir die Arbeit der anderen an. Wenn irgendwo Rat gebraucht
wird oder nur eine helfende Hand, dann bin ich dabei."
So konnte der Konditor seinen Bäckerkollegen schon
ein paar Anregungen geben und ihnen bei der Produktion
helfen.
Die Kunst des "Kritisierens"
"Die Hilfsbereitschaft in einem Betrieb ist grundsätzlich
immer da", beobachtete Manfred Rumi. "Der
Helfer hat nur zwei Probleme: Er will nicht als Besserwisser
dastehen und hat Angst, abgewiesen zu werden."
Oft sei es im Berufsalltag so, dass Kritik oder Anregungen
persönlich aufgefasst werden. Und da liegt
der Fehler", sagt Manfred Rumi. Die Mitarbeiter
müssen erkennen, dass die Kritik sich nicht gegen
den Menschen und die Person richtet, sondern gegen eine
spezielle Sache. Kein persönlicher Angriff!"
Durch das Training, das abteilungsübergreifend
durchgeführt wurde, lernten die Mitarbeiter die
Kunst des Kritisierens.
Konstruktives Betriebsklima
Und das geht so weit, dass selbst die Geschäftsführerin
Melitta Lorenz heute erstaunt darüber ist, was
sie für konstruktive Vorschläge von ihren
Angestellten bekommt: "Die Menschen kommen einfach
zu mir und sagen, was ihnen einfällt. Das Betriebsklima
ist dadurch offener geworden, ohne dass die Grenze zwischen
Leitung und Angestelltem verschwindet. Auch wenn eine
Idee verworfen wird, dann macht das nichts. Die Motivation,
am Unternehmen mitzuarbeiten, bleibt hoch."
Der Kontakt mit dem Unternehmen "Lorenz Victorbur"
war für Manfred Rumi kein Zufall: "Wichtig
war mir, eine Firma zu wählen und zu betreuen,
in der das Klima schon gut ist. Ich bin kein Friedensstifter
für zerstrittene Angestellte oder zerrüttete
Umgangsformen." Das würde sich auch mit der
Arbeitsweise von Pluspunkt nicht decken. Denn der Ansatz
geht hier vom Menschen aus. "Die Hilfestellung
ist meine Hilfe", sagt Manfred Rumi. Durch Rollenspiele
und teilweiser extremer Provokation lässt Coach
Rumi die Angestellten selber ihren Weg finden. Dabei
verändert sich auch schnell einiges im Menschen:
,Ich hatte eine wahre Schaffenskrise", gesteht
Bäckermeister Holger Sigl. Seine Arbeit sei halt
ein Job gewesen, und richtig Spaß habe er als
Teigmacher nicht mehr gehabt. "Während des
Seminars hab ich mir Gedanken über den Betrieb
und meine Rolle im Team gemacht. Die Diskussionen haben
mir neues Selbstvertrauen gegeben, im wahrsten Sinne
des Wortes, ich traue mir nun selber viel mehr zu und
weiss, dass dies auch von den Kollegen gefordert wird."
In diesem Fall setzte sich der Bäckermeister gestärkt
durch den Zuspruch seiner Kollegen ein neues Ziel: Stellvertretender
Produktionsleiter zu werden. Ein Effekt, den er selber
am wenigsten erwartete. ",Was soll das denn?' war
ganz ehrlich meine erste Reaktion, als ich zum ersten
Mal am Coaching teilgenommen hatte", gesteht Holger
Sigi. Heute, ein paar Wochen nach dem Training wirbt
der Teigmacher im Betrieb für die Schulung von
Manfred Rumi und überzeugt die letzten Skeptiker.
"Ein wünschenswerter Effekt ist auch, dass
das Training im Betrieb weiter läuft", sagt
Manfred Rumi. ein effektiver Produktivitätsfaktor.
Wenn der Stein einmal ins Rollen gebracht worden sei,
würden sich viele Mitarbeiter selber coachen. Durch
die Schulung wird der Blickwinkel auf die Kollegen verändert.
Nicht die Frage "Was machen die anderen falsch",
sondern "Wo können wir was besser machen"
präge das Bild. Ziel von Rumis Programm ist nicht
eine ewige Besserwisserei, sondern der konstruktiv-kritische
Umgang miteinander.
Motiviert und produktiv
Die Frage nach dem messbaren Erfolg beantwortet der
Juniorchef im Betrieb der Wikinger-Familie, Martin Lorenz:
"In Heller und Pfennig ist der Nutzen so eienr
Schulung natürlich nicht zu überprüfen.
Aber wir als Haus mit einer Schulungstradition wissen,
dass wir den Marktvorteil der Mitarbeitermotivation
nutzen können. Und ein sehr gutes Betriebsklima
zahlt sich immer aus." Der Streit aus dem konstruierten
Fall zwischen Filialleitung und Disponent jedenfalls
hätte durch trainierte Kommunikation vermieden
werden können.
Kontaktinformationen:
Lorenz Bäcker Victor Bur GmbH
Dornumer Straße 24
26607 Aurich
(www.baeckerei-lorenz.de)
Pluspunkt GmbH
Appelhülsener Straße 25
48308 Senden
(www.pluspunkt.de)
Allgemeine Bäcker-Zeitung (ABZ)
Ausgabe 3 vom 17.01.2003 |